aus dem amtlichen Schulanzeiger mit freundlicher Genehmigung der Regierung von Oberfranken/Schulabteilung

Die Wilde Jagd

Allgemeine Erkenntnisse

Wenn die Wilde Jagd mit Wodan als Anführer nachts mit Lärm und Getöse durch die Wälder um den Ochsenkopf und über die Fluren der Königsheide rast, verfinstern Wolken den Mond und den Glanz der Sterne. Der begleitende Sturm, der dann durch die Kronen der Bäume und um die Häuser der Menschen braust, wird manchmal so gewaltig, daß es scheint, als ob er alles zerstören wollte. Die Menschen aber werden in Schrecken versetzt, weil es heißt, daß jeder, der die Wilde Jagd sieht. sein Augenlicht verliert, ausgenommen der, der sich beim Auftauchen des ganzen Spukes ohne langes Besinnen auf den Erdboden fallen läßt und nicht in die Höhe schaut. Zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag sind die heiligen zwölf Nächte. In dieser Zeit soll man sich vor der Wilden Jagd besonders in acht nehmen. Lassen die Hausfrauen Wäsche auf der Leine hängen, so wird sie von den Hunden des Wilden Jägers zerrissen, und einer der Hausbewohner stirbt im nächsten Jahr. In diesen Tagen, da die Sonne stillzustehen scheint, müssen auch Spinnrad, Mühle und Dreschflegel stillstehen, der Mensch darf keine drehende Bewegung ausführen. Überhaupt soll jede unnötige Arbeit ruhen. Schmutz bleibt in der Stube liegen, denn nichts darf aus dem Hause gebracht werden. Jeder beeilt sich, bei Einbruch der Dunkelheit daheim zu sein und die Türen sorgfältig zu schließen, denn sonst nimmt die Wilde Jagd ihren Weg durch das Haus. Dabei schreckt der Wode die Menschen, und seine Hunde fressen alle Nahrung, die sie finden, besonders gern den Brotteig in der Backmulde

Beim Suchen nach einer Erklärung für das Phänomen der Wilden Jagd reicht die Vorstellung und Erklärung mancher Heimatforscher nicht aus, die Wilde Jagd entstehe aus Angst- und Schreckvorstellungen solcher Menschen, die einem schrecklichen Winde oder Sturme im Waldgebirge ausgesetzt gewesen wären. Jagende Wolken, das Ächzen und Brechen von Bäumen, das Geheul des Windes und lichtartige Erscheinungen zu diesem Tosen und Brausen mögen sicherlich die die Sagen bis in die Gegenwart wiederbelebenden Naturerscheinungen sein. Dennoch sind rechte Begründungen wohl tiefer fundiert, sicherlich in überkommenen Vorstellungen aus der Germanenzeit. Danach ist es der Urvater Wodan oder Wod, der hier über die Wälder und Landschaft braust, umgeben von einem Geisterheer - nach manchen Quellen auch dem Totenheer.

Zapf 1912:Jm Sturme fährt Wodan einher, der Sturmgott, begleitet von den Einherjar, den schlachtgefallenen Helden, und den Walküren, den reitenden Schlachtjungfrauen, welche die Kämpfer dem Tode weihen, damit sie eingehen zu den seligen Freuden in Walhalla, um einst, wenn die Götternacht hereinbricht, den Göttern gegen deren Feinde beizustehen. Als Gott der Helden führt er die Helden zur Schlacht, und nichts hält den Zug auf, er geht über Berg und Tal, über Wald und Wasser, mitten durch Häuser hindurch. Heldenmut ist die Tugend der alten Helden: sie stahlt sich im Kampfe gegen Menschen und Tiere. Daher geht auch der Zug aus zu jagen, und sämtliche Tiere der Jagd sind ihm zur Seite. Als Geister ziehen nun diese alle durch die Luft, jetzt noch, bei Tag und bei Nacht, in furchtbarem Tosen immer auf derselben Straße, hin und zurück, und wehe dem frevelnden Menschen, der sich dann nicht auf das Angesicht wirft-"

Die Wilden Jäger sollen es aber in erster Linie nicht auf die Menschen, sondem lediglich auf die Moosweiblein abgesehen haben, denen sie als den vermeintlichen Hütern und Schützem des Waldes nachstellen. Freilich dauert die Jagd nach einem Moosweiblein jeweils sieben Jahre. Haben sie es aber nach siebenjähriger Jagd eingeholt, dann zerreißen sie es in lauter Stücke.

Es gibt jedoch auch die andere Version:Weil Wotan der Hüter der Natur (und so auch des Waldes) ist, bestraft er die Wald- und Moosweiblein, weil diese sich auf die Seite der waldzerstörenden Menschen geschlagen haben.

Eine andere Vorstellung zum benannten Verhältnis Waldweiblein und Wilder Jäger" findet sich (nachstehend) bei Peuckert. Eindeutig zählen die Wilde-Jagd- und auch die Wilde-Jäger-Sagen zu der Wandersagen. Sie finden sich über ganz Deutschland - vom Schwabenländer Wuotesheer bis zum Schimmelreiter an der Nordsee - verbreitet. Interessant ist dabei noch die Unterscheidung, wie wir sie bei W- E. Peuckert dargestellt finden: W. E. Peuckert trennt die Ursprünge des Wilden Jägers und des wütenden Heeres voneinander. Der Wilde Jäger ist ein jagender Walddämon, er "ist eben einer von den wilden Leuten', welcher jagt. Die Sonderbetätigung hat eine Sondergestalt aus jener als wild' bezeichneten Schar entstehen lassen. Verschieden von diesem Wilden Jäger ist die dämonische Erscheinung, die in den Quellen als wütendes Heer', Wuote Heer', Teufelsheer' bezeichnet wird, das Heer der Toten, der vorzeitig Getöteten. Aus ihrer Schar hebt sich ihr Anführer oder Herr heraus. Aus einer Vermischung der beiden Sagenkreise und ihrer Grundvorstellungen zu einer Zeit, in der sie zu verblassen beginnen, anscheinend im 16. und beginnenden 17. Jahrhundert, wird das wütende Heer' zu einem Jagdzug, sein Anführer wird der Wilde Jäger, so entsteht das ,Wilde Heer', die Wilde Jagd'." Damit hat Peuckert wissenschaftlich gefaßt, was Schönwerth schon als Volksmeinung verzeichnet hat, die das wütende Heer vom einzeljagenden Wilden Jäger trennt. Freilich findet sich in unseren Sagen auch die Vermischung der Vorstellungen. Der Wilde Jäger jagt die Holzweiblein, er ist ihr größter Feind; wenn er sie erwischt, zerreißt er sie. Da die Holzfräulein als Verkörperungen, als Wachstumswesen des Waldes erscheinen [sie treten in den guten Lehren, die sie den Menschen geben, auch für den Schutz der jungen Bäume ein: "Treib keinen Baum!" = Zerstöre keinen (heranwachsenden) Baum!], ist der Wilde Jäger ein "Waldfeind", (in der Edda ein bildlicher Ausdruck für den Sturm), der die Bäume bricht. Seine Helfer sind die "Holzhetzer". So ergibt sich tatsächlich ein Mythenund Gestaltenkreis von Waldwesen, die sich um den Wilden Jäger gruppieren, der von dem Vorstellungs und Sagenkreis um das wütende Heer der Totenseelen wohl ursprünglich zu trennen ist. Die Grundlage für die Verschmelzung aber bildet der Sturmwind, in dem das wütende Heer einherbraust und in dem auch der Wilde Jäger als Feind der Holzfräulein, d. h. des Waldes, jagt. Ein Beweis für die Lebendigkeit des Vorstellungskreises um das wütende Heer im Volke ist die Tatsache, daß man, nach den Aufzeichnungen Schönwerths, den Namen gelegentlich auch als fliegende Armee" modernisierte".