aus dem amtlichen Schulanzeiger mit freundlicher Genehmigung der Regierung von Oberfranken/Schulabteilung

Die Bergkönigin

Erneut auf Görwitz zurückzuführen ist die Sage von der Bergkönigin, hier in der Darstellung von M. im "Mainboten 1914":

Ein junger Ritter reiste einst mit zwei Knappen durch das Fichtelgebirge. Von einem Walen hatte er gehört, daß im Herzen des Gebirges die Bergkönigin wohne, und er hätte sie gar zu gern auch einmal gesehen. Als er an der Seelohe verüberritt, trat aus dem Wald ein Zwerg hervor, der den Ritter mit seinen Begleitern in den Palast der Bergkönigin einlud. Die drei Abenteurer folgten unerschrocken dem Zwerg und gelangten an einen Felsen, der den Eingang zum unterirdischen Schloß bildete. Hier ermahnte sie der Führer noch, daß sie schweigsam und anständig sein müßten, auch der Königin nicht in ihr Kristallgemach nachfolgen dürften, sonst würde ein Unglück geschehen. Nachdem sie einen blütengeschmückten Garten durchschritten hatten, traten sie in einen Saal, so groß wie das Schiff eines Domes. Die Halle war aus leuchtenden Edelsteinen gebildet, und silberne Quellen mit Perlen und Goldkörnern rauschten hinab in das Gebiet der äußeren Berge. Vor einer ungeheuren Orgel saß auf throriartigem Sitz die riesenhafte Bergkönigin und spielte eine wundervolle Melodie; wie Sturmesrauschen und Donnerhall erklangen die gewaltigen Töne. Dazu sang sie ein Lied, das durch seine Stärke erschütterte, trotzdem aber wundersam zum Herzen sprach. Als die Musik zu Ende war, erhob sich die Bergkönigin von ihrem Sitz und wandte ihr Antlitz den drei Fremdlingen zu. Trotz ihrer ungeheuren Größe war sie von unaussprechlicher Schönheit. Der Ritter, der schon vielen edlen Frauen gehuldigt hatte, erkannte sofort, daß ihm noch nirgends so viel Liebreiz und Anmut begegnet war Der Zwerg führte die Gäste zu einer Tafel, wo die köstlichsten Leckerbissen des Fichtelgebirges zum Mahle einluden. Ohne Säumen machten sich die Knappen über den Hirschbraten und die Fische her. Allein der Ritter konnte sein Auge nicht von der Königin abwenden, und sein kleines Menschenherz erglühte in heftiger Liebe. Die Königin zog sich nun in das innerste Kristallgemach zurück und ließ sich auf einem Ruhebett nieder. Das Haupt stützte sie auf ihre lilienweiße Hand, während die Dienerinnen den Wald ihrer Locken ordneten. Ihre Füße ruhten auf einem hohen Schemel. Der Ritter stand noch immer in Entzücken verloren, und es erwachte in ihm die Sehnsucht, dieser herrlichen Frau einen Kuß zu rauben. Er vergaß die Warnungen des Zwerges, und mit einem gewaltigen Sprung erklomm er den Fußschemel; ehe es die Königin verhindern konnte, hatte sie den Kuß des Ritters empfangen. Aber im gleichen Augenblick betäubte ein fürchterlicher Donnerschlag den FrevIer, und er vernahm nur noch ein tiefes Rauschen und Stürzen, als ob wilde Bergwasser durch sein Gehirn brächen. Endlich kam er wieder zu sich und hörte die Stimmen seiner Knappen; als er die Augen aufschlug, lag er in unwirtlicher Gegend auf einer Moosbarik. Der eine Knappe hielt noch die goldene Gabel mit einer Forelle in der Hand, der andere leckte den goldenen Schöpflöffel ab. Vorwurfsvoll sagten sie zu dem Ritter: "Ihr habt uns durch Euren entsetzlichen Kuß das beste Essen verdorben!" Aber er tröstete sie: "Euch ist doch von der Herrlichkeit noch etwas in der Hand geblieben, das euch entschädigt!" Am nächsten Tage kam der Ritter mit seinen zwei Knappen auf das Waldsteinschloß, wo ihn der befreundete Burgherr willkommen hieß. Dieser stellte dem Gast auch seine Tochter vor. die an demselben Tage aus dem Klostei heimgekehrt war. Wie erstaunte der Ritter, da das liebliche Mädchen gan2 das Ebenbild der Bergkönigin, nur in gewöhnlicher Größe, war. Sogleich entflammte sein Herz, und er warb um sie, und als er ihr den ersten Kuß gab, brauchte er nicht wie bei der Bergkönigin einen Sprung in die Höhe zu machen, um ihren Mund zu erreichen. Als ehrlicher Ritter verhehlte er später auch seiner Gemahlin nicht, weich Abenteuer er mit der Bergkönigin bestanden hatte. Da lächelte die junge Frau schalkhaft und sagte: "Wie nun, wenn ich die Bergkönigin wäre und mich aus Liebe zu Dir in ein irdisches Mädchen verwandelt hätte, um Deine Gattin werden zu können?" - "Wenn das so ist", antwortete der Ritter lächelnd und hob seinen Erstgeborenen empor, "so habe ich hier ein Pfand, daß Du bei mir bleibst und nie mehr auf Deinen unterirdischen Thron zurückkehrst!"