aus dem amtlichen Schulanzeiger mit freundlicher Genehmigung der Regierung von Oberfranken/Schulabteilung

Das wunderschöne Fichtelmädchen

(eine Sonnwendsage vom Ochsenkopf, nacherzählt von Sophie Droste-Hülshoff):

Kein Gebiet des Fichtelgebirges ist so sagenumwoben wie die herrlichen Nadelwälder, die Granitfelsen, die Schluchten und die klaren rieselnden Bäche rings um den Ochsenkopf. Die Urahnen der heutigen Bewohner des Fichtelgebirges begingen in fernen Zeiten ihre Sonnwendfeiern auf dem Fichtelberg. Alte, moosumwucherte, in den Granit eingemeißelte Steinbilder zeugen davon.

An einem Sonnwendtag soll sich die zauberhafte Begebenheit zugetragen haben, von der man heute noch in der Gegend erzählt: Während man unten in Bischofsgrün das Sonnwendfest feierte, mußte ein junger Hirte aus dem Dorf beim Vieh bleiben, das auf einer Waldblöße unweit des Schneelochs am Fichtelberg weidete- Auf einmal schien ihm, er höre ferne Musik vom Schneeloch her. Wer spielte dort in der Einsamkeit? Neugierig ging der Bursch den Tönen nach und stand plötzlich vor einem hübschen kleinen Schlößchen, aus dessen Fenstern Harfenmusik klang. Der Hirt wunderte sich sehr, hatte er doch nie etwas von einem Schloß in der Gegend gehört. Er zögerte eine Weile, ging dann durch das rundbogige Tor und stand in einem prächtigen Saal. Der arme Bergbauernbub hatte noch nie eine so herrliche Einrichtung gesehen und auch noch nie ein so schönes Mädchen, wie es die junge Herrin des Schlosses war, die auf einem seidenen Lager in der Mitte des Saals ruhte und eine goldene Harfe in den Händen hielt. ,Ich kenne dich schon lange, junger Hirt", sagte die schöne Frau, "denn deine Wiege wurde aus einer Fichte gezimmert, die in meinem Bereich stand. Deshalb bist du mir durch geheime Kräfte verbunden und hast die Macht, uns beide glücklich zu machen, wenn du den Mut dazu aufbringst." "Du bist so wunderschön, ich will gern alles tun, was du von mir verlangst erwiderte der Bursch wie verzaubert. Da bat ihn die schöne Frau, sie am nächsten Johannistag wieder an der gleichen Stelle aufzusuchen. Freilich werde sie ihm dann nicht in ihrer jetzigen Gestalt, sondern als abschreckendes Ungeheuer erscheinen. Aber er solle sich nicht fürchten, sondern sie auch in der Gestalt des grausigen Untiers umarmen und ihr einen Kuß geben. Auch am übernächsten und dem folgenden Sonnwendtag müsse er kommen. Jedesmal werde sie ihm als ein anderes Ungeheuer erscheinen. Wenn er sich aber nicht abschrecken lasse und sie dreimal küsse, sei sie erlöst, und beide würden miteinander die glücklichsten Menschen unter der Sonne. Auch alle unterirdischen Schätze des Fichtelgebirges stünden ihnen dann zu. Denn sie, das Fichtelmädchen, sei von einem Berggeist in das Schneeloch gebannt worden und könne nur an den Sonnwendtagen für kurze Zeit seiner Macht entrinnen. Kaum hatte das schöne Mädchen das alles gesagt, verschwand das Schloß mit einem furchtbaren Krachen, und der junge Hirt stand allein mitten im tiefen Wald am Rande des Schneelochs, aus dessen Tiefen ferner Gesang verhallte. Das ganze Jahr über ging dem jungen Burschen das Erlebnis nicht aus dem Sinn. Er sprach zu keinem Menschen darüber, aber er sehnte den Johannistag herbei, wie er sich noch nie nach etwas gesehnt hatte. Als der Sonnwendabend kam, strich er in der Gegend des Schneelochs herum, horchte und spähte. Plötzlich stand das Schloß wieder da. Er durchschritt das Tor, gelangte in den Saal, sah das seidene Lager und erstarrte vor Entsetzen, denn statt des wunderschönen Fichtelmädchens lag nun eine schillernde Schlange dort, die ihm mit aufgerissenem Rachen entgegenzischte. Der Hirt bezwang tapfer seine Furcht; er dachte an die Bitten des Mädchens, lief rasch auf die Schlange zu, faßte sie fest und küßte sie auf den Kopf. Alsbald verschwand das Schloß unter Krachen und Donnern, wieder stand der junge Bursch allein am Rand des Schneelochs. Diesmal rief ihm aus der Tiefe die Stimme des Mädchens ein jubelndes "Hab Dank!" nach. Ebenso erging es dem Hirten am nächsten Johannistag. Diesmal mußte er einen gewaltigen, schauerlich brüllenden Bären küssen. Ohne Furcht zwang er das Untier in seine Arme, und als das Schloß verschwunden war, tönte aus dem Schneeloch ein zweimaliges Hab Dank!" zurück. Die Zeit bis zurm dritten Johannistag verstrich dem Hirten besonders rasch, da er Tag und Nacht an das schöne Fichtelmädchen dachte. In der ersten Morgenfrühe des Sonnwendtags stand er schon an der Stelle im Fichtelwald. Er mußte lange warten, bis das Schloß erschien. Voll Mut eilte er durchs Tor- Auf dem seidenen Lager im herrlichen Saal ringelte sich nun ein schauderhafter Lindwurm mit glühenden Augen und geifemdem Maul, der sich plötzlich zu ungeheurer Größe aufrichtete und dem Burschen entgegensprang. Für einen Augenblick vergaß der Hirt die Worte des Fichtelmädchens und wich bestürzt zur Türschwelle zurück. Als sein Fuß sie berührte, schien sich der Boden unter Blitz und Feuer zu spalten, das Schloß versank in die Tiefe, der Hirt lehnte an einem Baum im nachtdunklen Wald. Aus dem Schneeloch tönte das verzweifelte Schluchzen und Weinen des schönen Fichtelmädchens, das nun wieder in der Gewalt des Berggeistes war. Von dieser Sonnwendnacht an wurde der junge Hirt trübsinnig. Er redete kaum mehr, vernachlässigte sein Vieh und strich viel allein in den Wäldern herum. Am Sonnwendtag des nächsten Jahres fanden ihn einige Bauern aus Bischofsgrün tot am Schneeloch. Er lächelte glücklich und trug um die Stirn einen kleinen Kranz von seltsamen hellblauen Blumen, die man in der Gegend noch nie gesehen hatte. Als man den Burschen auf dem Friedhof von Bischofsgrün in die Erde bettete, umflatterte ein schöner, buntgefiederter Vogel unter wunderbarem Gesang das Grab und flog schließlich in Richtung Schneeloch davon. Noch viele Jahre soll der bunte Vogel an jedem Sonnwendtag das Grab des jungen Hirten umflogen haben.