aus dem amtlichen Schulanzeiger mit freundlicher Genehmigung der Regierung von Oberfranken/Schulabteilung

Bekannte "Menschenwandel"-Sagen aus dem Ochsenkopfbereich:

Die am weitesten verbreitete Sage ist die vom Schäfer oder auch der Jungfrau vom nahegelegenen Nußhardt. Sie sei in der ältest bekannten Form (bei C. v. Falkenstein "Buch der Kaisersagen") wiedergegeben. Ebenso alt überliefert bei Görwitz. Dortiger Titel:

Der Nußhard

Im Fichtelgebirge unweit Bischofsgrün erhebt sich der steile Klippenberg Nußhard. Am Fuß dieses Felsens sah einst ein Hirt eine schöne Jungfrau- Sie hatte einen Rechen in der Hand und breitete damit Flachsknoten in der Sonne aus. Niemals hatte er hier ein Mädchen gesehen. Er betrachtete sie, gewann sie lieb und hätte gern mit ihr gesprochen; doch dazu fehlte ihm der Mut. Wenn sie sich entfernte, ging er aus dem Gebüsch und besah ihre Knoten, unter denen er einmal ein Goldstück fand. Einstmals zur Mittagszeit, in der sie gewöhnlich kam, bemerkte sie den Lauscher. Beide sahen sich an, ohne einander zu nahen. So vergingen Wochen. Da drängte es den armen Hirten zur schönen Jungfrau hin, und entschlossen sprach er sie an. Freundlich antwortete sie, daß sie, eine Fürstin, seit Jahrhunderten in diese Gegend verbannt und er dazu bestimmt sei, sie aus ihrem Elend zu befreien. Am Sankt-Petri-Tag sollte er wiederkehren, sich aber nicht vor ihr fürchten, wenn sie als häßliches Weib erschiene; er solle sie dann dreimal nacheinander kühn und mutig auf die Stirn küssen und damit ihre Erlösung bewirken. Schweren Herzens verließ der Hirt, nachdem die Jungfrau sich seinen Blicken entzogen hatte, den Nußhardfelsen, dachte Tag und Nacht an ihre Schönheit und an sein Versprechen, doch als die Zeit erschien, befiel ihn eine wahre Todesangst; er trieb seine Herde nach einer anderen Gegend und kam nichtAls er endlich wieder einmal am Felsen hielt, sah er auch die Jungfrau wieder. Wehmutsvoll fragte sie ihn, warum er nicht zu ihr gekommen sei. Jetzt wäre der schöne Augenblick vorüber, und sehr lang müsse sie nun wieder warten auf die neue Stunde ihrer Erlösung. - Nie sah der Hirt die Jungfrau wieder, sooft er auch die Gegend des Nußhardfelsens besuchte.

Anmerkung: Die Sage findet sich wieder in verschiedenen Abwandlungen und mit Ergänzungen in zahlreichen gängigen, auch älteren Sagenbüchern. Die bekannteste Abweichung sei kurz dargestellt (nach BS., Grimm u. a.):

Wochenlang trieb der Schäfer seine Herde noch auf den Nußhardt. Die Jungfrau aber sah er nirgends mehr. Am Sankt-Petri-Tag - es war ein Sonntag erhob er sich, ohne in der Nacht ein Auge zugetan zu haben, schon vor dem Tagesgrauen und eilte auf den Berg. Der Sturm tobte in den Wipfeln, und je höher der Schäfer stieg, desto verwirrter wurde sein Sinn. Stundenlang wartete er droben zwischen den Felsen und auf der Waldwiese vergebens. Da, als drunten in Bischofsgrün die Vaterunserglocke klang, kam aus dem Felsen an einem Stock ein altes häßliches Weib gehumpelt. Mit ihren roten Triefaugen schaute sie den Burschen giftig an, und aus ihrem breiten geifernden Maul sprudelte sie ihm eine Flut unverständlicher Schimpfworte entgegen. Da stieg ihm der Ekel bis an den Hals. Entsetzt streckte er die Arme aus wie zur Abwehr und floh den Abhang hinab. Hinter ihm zerfetzte der Sturm einen Schrei, wie ihn wohl nur ein Mensch in Todesnot ausstößt. Holzhauer fanden am anderen Morgen den Schäfer im Wald und trugen ihn heim zu seiner Mutter. Wochenlang lag er in einem hitzigen Fieber, und als er wieder aufstand, war sein Geist verstört. Eines Tages war er verschwunden. Beerensuchende Weiber und Kinder sahen ihn wohl zuweilen noch ruhelos zwischen den Felsen des Nußhardt herumirren. Aber was aus ihm geworden war, hat niemand erfahren.