aus dem amtlichen Schulanzeiger mit freundlicher Genehmigung der Regierung von Oberfranken/Schulabteilung

Die zweite Geisterkirchensage vom Ochsenkopf ist jene von der "Wunderblume". Sie wurde von Braunfels in einem Gedicht umgesetzt und geht quellenbezogen - zurück auf J. v. Pläuckner/Pliniferus:

Die Geisterkirche auf dem Ochsenkopf

Am Sankt Johannistage steigt ein Knab zum Fichtelberge: da ist der Tag, der offen zeigt den goldnen Schacht der Zwerge; und wer da fühlet kecken Mut, mag rauben aus der Geister Hut, wes ihn das Herz gelüftet. Der Knab erklimmt in Sprung und Lauf die steilen Bergeshänge und wie er hört vom Dorf herauf der Glocken Morgenklänge, da fällt des Frührots erster Schein wohl auf das kalte Felsgestein mit wunderbarem Glänzen. Und eine Blum im Goldgewand steigt auf am steilen Orte; er pflückt sie; und die Felsenwand zeigt plötzlich eine Pforte. Und von der Blume kaum berührt, springt auf das Eisentor; es führt hinein zur Geisterkirche Auf Silbersäulen dringt empor Gewölbe von Rubinen; Ein Hochaltar steht dort im Chor, vom Himmelslicht beschienen. Aus jeder Nische goldner Glanz! Von Säul' zu Säulen schwebt ein Kranz aus Perlen reich geflochten. Ein Priester Segensworte spricht zum frommen Volksvereine; doch sieht der Knab den Priester nicht und nicht die Kirchgemeine. Dann hebt sich an ein heil'ger Sang mit Glockengruß und Orgelklang und wonnig lauscht der Knabe.

Doch eine leise Stimme ruft: "Frisch auf, du kühner Knabe, eh' dir die Kirche wird zur Gruft, nimm von der reichen Habe! Nimm Gold und Perlen und Gestein, nimm, wes begehrt das Herze dein, nur eil' und kehre nimmer!" Der Knabe hört's, doch geht er nicht: Was Gold und Steingeflimmer! Ihm ist so wohl, so klar und licht und scheiden möcht er nimmer. Und wieder ruft's: "Geschwind! geschwind! Du bist verloren mein armes Kind!" - Er bleibt, er lauscht dem Sange. Mit Eins verstimmt der Geisterchor und bei dem letzten Halle da wird es Nacht; das Eisentor schließt sich mit Donnerschalle. Da sinkt er hin im goldnen Schacht, da ist er in der Zwerge Macht; kein Auge sah ihn wieder.

L. Braunfels

Für diese Sage ist verschiedentlich noch ein zweiter (positiver) Schluß überliefert, der deutlich Analogie zur erstbenannten (großen) "Geisterkirchensage" zeigt: Da fiel mit Donnerkrachen das gewaltige Tor ins Schloß. Die Kirche mit ihren Heiligtümern und mit dem jungen Burschen sank in die Tiefe. Doch am Johannistag des nächsten Jahres öffnete sich der Berg wieder. Mit der Wunderblume in der Hand kam der Junge gesund und wohl heim zu den Seinen, die ihn überall vergeblich gesucht hatten. Er brachte zwar nichts mit von den Schätzen, doch er hatte Glück sein Leben lang.

(bei Fr- Schönwerth, BS.)