aus dem amtlichen Schulanzeiger mit freundlicher Genehmigung der Regierung von Oberfranken/Schulabteilung

Die unterirdische Kirche im Ochsenkopf

Vom Ochsenkopf erzählt die Sage, daß in seinem Inneren eine Kirche steht. Jedes Jahr in der Johannisnacht spaltet sich der Berg, und man sieht in dem Spalt eine prächtige, hell erleuchtete Kirche. Wer in diese Kirche einzutreten wagt, kann große Schätze gewinnen. Aber er muß sehr fromm und brav sein. Nur wer ein ganz reines Herz hat und noch nicht die geringste Sünde getan hat, kann da hineinkommen, Im Fichtelgebirge lebte einst eine junge und sehr gute und fromme Frau mit ihrem Mann glücklich zusammen. Aber schon nach einem Jahr starb der Mann, und bald darauf bekam sie ein kleines Mädchen. Die Frau hätte nun mit ihrem Kind ohne Sorgen weiter leben können, denn ihr Mann hatte ziemlich viel Geld. Aber das hatte er kurz vor seinem Tod einem Freunde geliehen, der in großer Not war und dem er helfen wollte. Denn er hielt ihn für einen ehrlichen, braven Menschen. Aber nun zeigte es sich, daß er um Geld spielte und gar nicht daran dachte, das geliehene Geld der Witwe zurückzugeben. Die Witwe verlor so ihr ganzes Vermögen und mußte sogar noch ihr Haus verkaufen. So wurde die Not immer größer. Da hörte sie auch die Sage von der Kirche und daß man am Johannisabend dort große Schätze gewinnen könne. Da wollte sie einmal auf diese Weise ihr Glück versuchen, und weil sie niemand hatte, dem sie ihr kleines Kind anvertrauen wollte, so nahm sie es mit. Gegen Abend kam sie an den Ochsenkopf, Erst betete sie zum lieben Gott, daß er ihr helfen möge, dann teilte sie mit ihrem Kindlein das letzte Stücklein rot, und nachdem es sich in den Schlaf geweint hatte, fielen auch der müden Mutter die Augen zu. Wie lange sie geschlafen hatte, wußte sie später nicht mehr, aber als sie erwachte, hörte sie Orgelspiel und lieblichen Gesang. Sie stand vor einer erleuchteten Kirche, und als sie eintrat, sah sie vor dem Altare einen großen Haufen Goldstücke. Vor Schreck und Freude zitterte sie an allen Gliedern, setzte das Kind neben das Gold und raffte so viel in ihre Schürze, als sie nur fassen konnte. Da fiel ihr ein, daß sie draußen, wo sie geschlafen hatte, ein großes Tuch hatte liegen lassen. Dahinein wollte sie geschwind die Goldstücke leeren und dann noch einmal ihre Schürze füllen. Aber im selben Augenblick, als sie aus der Kirche trat, schlug es zwölf Uhr und mit dem letzten Schlag war alles verschwunden, und sie stand mit ihrem Geld allein im Dunkeln. Aber wo war denn ihr Kind geblieben? Verzweifelt schrie sie nach ihm, aber als Antwort hörte sie nichts als den Widerhall ihrer eigenen Stimme. Was nützte ihr jetzt das viele Geld, nachdem sie ihr Kind verloren hatte? Aber da half nun kein Weinen, kein Rufen, kein Beten mehr. Das Kind kam nicht wieder. Als der Tag graute, machte sie sich wieder auf den Heimweg. Oft und immer wieder ging sie an die Stelle, wo sie ihr Kind verloren hatte, aber die Kirche war nicht wieder zu sehen. Als nun nach einem Jahr wieder die Johannisnacht kam, bat sie den lieben Gott lange und flehentlich, er möge ihr doch noch einmal den Weg zu der geheimnisvollen Kirche zeigen. Dann ging sie wieder an die Stelle, wo sie vor einem Jahr mit ihrem Kind eingeschlafen war, und wartete voll Bangen auf die Mitternachtsstunde. Plötzlich ertönte wieder Orgelklang und Gesang wie von Engelsstimmen, und gleich darauf stand die hellerleuchtete Kirche wieder vor ihr. Und als sie die Türe öffnete, da saß neben einem Haufen Gold und Edelsteinen ihr Kindchen mit strahlenden Augen und streckte ihr die Armchen entgegen, als wollte es sagen:"Na, kommst du endlich, liebe Mutter, du bist aber lang ausgeblieben-" So viel Glück und Freude hatte die Mutter noch nie erlebt, wie in dem Augenblick, als sie ihr Kind wiederfand. Und sie drückte es ans Herz und küßte es und dachte nun immer: "Lieber Gott, wie gut bist du und wie muß ich dir danken, daß du mir mein Liebstes in der Welt wieder geschenkt hast." An Gold und Edelsteine dachte sie diesmal nicht, sondem war froh, daß sie ihren schönsten Edelstein wiedergewonnen hatte. Als sie draußen war, sank sie in die Knie und dankte Gott noch einmal für alles. (n. Kreitmair) Inhaltlich nahezu gleiche Darstellungen im BS., bei Gleichmann, Reichold, wohl insgesamt zurückgehend auf Pachelbel/Görwitz 1716.