aus dem amtlichen Schulanzeiger mit freundlicher Genehmigung der Regierung von Oberfranken/Schulabteilung

Von Moos- oder Holzweiblein und Schrezeln

Allgemeine Anmerkungen

Die Holzweiblein sind (nach Frank u. a.) in allen Waldgebieten zu Hause und gehören zu den bekanntesten Waldgeistern. Kaum größer als drei Schuh können sie überall Platz finden, auf dem Ofen im Haus, auf einem Baumstumpf im Forst.... Sie werden zu den armen Seelen gerechnet, die von den Holzhetzern, die zur Wilden Jagd zählen, gejagt, auch gefangen oder gar zerrissen werden. Ihr Gesicht ist mit Moos bedeckt, weshalb sie zuweilen Moosweiblein genannt sind. In der Ehe leben sie paarweise in hohlen Bäumen zusammen und können auch Kinder bekommen. Die Holzfraulein, Moosfräulein oder Moosweiblein erscheinen als Verniedlichungen und Verharmlosungen der ehemaligen wilden Waldfrauen nach dem Untergange der riesischen Welt, ein Vorgang, der sich nach W, E. Peuckert im 15./16. Jahrhundert abspielt. "Es geht im 15. und 16. Jahrhundert wie ein großes Sterben durch die Welt; die alten, dem Volk vertrauten Gestalten werden häßlich, unansehnlich und schwinden hin . . ." So sind die Holzfräulein kleine, zierliche Geschöpfe, die ursprünglich tief im Walde ein verborgenes Dasein führten und dem Menschen nur selten begegneten. Jeder Wald hatte sein Holzfräulein. (Analog dazu zu sehen sind z. B. die "Wilden Fräule" im Allgäu oder die "Schwäbischen Erdweiblein".)

Nach Hanika sind die Holzweiblein menschengestaltig, aber ihr Gesicht ist mit Moos bedeckt, manchmal denkt man sie sich mit Vogelgesichtern. Ihr Kleid ist aus grünem Moos oder grauem Baumbart, den sie kunstreich von den Zweigen alter Tannen herunterspinnen. Er gibt jene wunderbaren Garnknäuel, die nicht alle werden, soviel sie auch davon stricken. Manchmal schenken sie solches Garn ihren Wohltätern. Es wird nicht alle, solange der Beschenkte selbst davon strickt. Läßt er einen anderen davon stricken, ist es sofort zu Ende. Sie waschen sich in dem Tau, der sich am Morgen in den Frauenmäntelchen findet, oder sie ziehen ihren Leib durch den Tau der Wiese- Mit Wollmoos trocknen sie sich ab oder mit alten Fetzen, die ihnen die Leute schenken. Meist sind diese Wesen gutartig und hilfsbereit. Die gutmütigen Weiblein gelten (der Sagenforschung nach) als Ausdruck des freundlichen Charakters des deutschen Mittelgebirges, dessen Wälder bis in ihre Tiefe durchforstet und gelichtet und damit ihrer Unheimlichkeit entkleidet sind. Damit sind auch die Holzfräulein aus der Waldestiefe herausgetreten und in engere Fühlung zu den Menschen geraten. Sie kamen sogar gern in die Häuser hutzen, und heute noch zeigt man solche Häuser, in denen sie sich gerne aufhielten- Auf dem Ofen war ihr gewöhnlicher Platz. Sie galten als gern gesehene Gäste; denn ihr reiches Wissen in der Heilkunde war für die Menschen von unschätzbarem Werte. Lagen Krankheiten in der Luft, so machten sie die Menschen darauf aufmerksam und teilten ihnen Schutz- und Heilmittel aus dem Naturreich mit. Schließlich wurden solche Holzfräulein in manchen Häusern so heimisch, daß sie sogar an den Mahlzeiten teilnahmen und Dienste im Haushalt machten, ja ganz in den Häusern wohnten. Zahlreiche Berichte über das Leben und Wirken dieser kleinen Leute und über Begegnungen und Erlebnisse mit ihnen sind auch im Fichtelgebirge (ebenso im Ochsenkopfbereich) im Umlauf. Hie und da werden ihnen männliche Partner, die Moosherrlein, zugesellt, die aber ganz zurücktreten und nur am Rande manchmal auftauchen. Im Verbund mit ihnen tritt auch eine im hiesigen Bereich mehrfach benannte Wandersage auf: Ein armes kleines Mädchen, dessen Mutter krank lag, ging in den Fichtelwald, um Erdbeeren und Haselnüsse zu sammeln. Wie es so emsig suchte, sah es auf einmal ein Weiblein vor sich stehen, das war ganz mit goldenem Moos bekleidet. Dies bat um einige Nüsse und Erdbeeren. Das Kind gab ihm eine Handvoll. Das Weiblein aß sie vergnügt und trippelte dann weiter. Als das Mädchen zu Hause die Beeren und Nüsse auf den Tisch schüttete, waren sie alle von Gold. Nun war den armen Leuten aus der Not geholfen. (Ähnlich v. Hengstberg, Frankenwald u. a.) Der Heimatforscher Schmidt/Wunsiedel verweist darauf, daß man noch bis in unser Jahrhundert auftretende Holzweiblein als Glücksbringer ansah. Deshalb hütete man sich, wie zu vertreiben, sondern litt sie gerne im Hause. Von jeder Mahlzeit gehört ihnen, was in den Schüsseln oder auf den Tellern zurück oder außen daran hängen bleibt. Die Hausfrau darf die Klöße nicht in den Topf zählen, weil sonst das Moosweiblein nichts davon nehmen kann. Das Fluchen können sie nicht leiden; sie verschwinden, wenn sie fluchen hören. Eine gewisse Ähnlichkeit mit den Zwergen (wie schon gesagt, den Heinzelmännchen) ist unverkennbar. Nach Auffassung mancher Heimatkundler sind sie auf mythische Vorstellungen zurückzuführen und haben eine Rolle als heidnische Gottesdiener gespielt. Auf den Ursprung der Moosweibleinerscheinungen vermag möglicherweise auch die Tatsache hinzudeuten, daß ihr größter Feind der wilde Jäger ist, der ihnen mit seiner ganzen Meute nachgeht und jedes schonungslos zerreißt, wenn er eines einholt. Es ist heute noch Sitte im Fichtelgebirge, daß die Holzhauer nach dem Fällen eines Baumes auf den stehengebliebenen Stumpf drei Kreuze machen. Dort hat dann das Moosweiblein ein Asyl; der wilde Jäger darf ihm dort nichts tun. Eine Erklärung ist nicht leicht; es ist nicht ausgeschlossen, daß Gestalten aus einem fremden Religionssystem in unsere germanische Mythe kamen, unter welcher ja der Germanengott Wotan verborgen ist. Es kann aber auch sein, daß das Moosweiblein an die Dienerin einer germanischen, den Menschen freundlich gesinnten Göttin erinnert, die als Schützerin des Flachsbaus der fortschreitenden Rodung und Kultur galt und deshalb vom Schützer des unberührten Waldes angefeindet und verfolgt wird. In den allermeisten bekannten Sagen der Wald- und Moosweiblein gelten diese als wohltätig und den Menschenkindern gut gesinnt.