aus dem amtlichen Schulanzeiger mit freundlicher Genehmigung der Regierung von Oberfranken/Schulabteilung

Das Schloß der Spieler

Eine Bauernfamilie aus Ober-(warmen)-steinach am Fuße des Ochsenkopfes fuhr Holz einen ganzen Tag lang. Einen der Dienstknechte fing auf einmal heftig zudürsten anErsprach daherzu der kleinen Tochterdes Bauern: "Geh und hole mir Wasser, sonst verschmachte ich!" Da nahm das Kind ein Trinkgefäß und suchte nach einer Quelle. Dabei verirrte es sich. Als die Kleine dieses bemerkte, weinte sie heftig und rief alle Namen der Ihrigen. Niemand wollte hören. Schon neigte sich die Sonne zum Untergang, und noch hatte sie nicht aus dem Wald gefunden. Schon war es Nacht geworden. Das Kind machte sich bereit, in der Wildnis zu übernachten. Da gewahrte es in geringer Entfernung ein herrlich beleuchtetes Schloß, das es noch nie gesehen hatte. Es ging darauf zu. Als das Kind näher kam, verkündete kein Laut lebende Bewohner. Das Mädchen klopfte, doch niemand kam, um zu öffnen. Zum zweitenmal schlug es an die hallende Tür, doch nur das Echo antwortete, Doch nach dem dritten Male gebot man ihm auf das Pochen Einlaß. Es wurden die Riegel zurückgeschoben, und vor dem Mädchen stand ein Mann mit einer brennenden Kerze. Er erwiderte den Gruß nicht, führte das Kind aber ernst und schweigend in einen weiten Saal- Es setzte sich bescheiden auf ein Bänklein am Kamin. An einer langen Tafel saßen zwölf Männer, die Karten spielten. Doch kein Laut bewegte sich von den bleichen Lippen. Schweigend legte der Verlierende immer eine Münze hin, und ohne ein Wort wurde der Gewinn angenommen Da erfaßte allmählich das arme Mädchen die Angst. Mit ängstlichen Blicken betrachtete es die rätselhaften Gestalten, und mit Entsetzen bemerkte es jetzt, daß die Hände eines jeden Spielers eine andere Farbe hatten. Sie bemerkte goldgelbe, silberweiße, blutrote Hände. Voller Schrecken rief da die Kleine, man möge sie doch schnell wieder nach draußen lassen. Schweigend nahm der, der sie eingelassen hatte, die Kerze und ließ sie aus dem seltsamen Schloß- Das Mädchen lief eine Zeitlang, schlief aber vor Ermüdung ein. Als es erwachte, stand schon die Morgensonne weit am Himmel. Das Mädchen sah sich um, doch das Schloß war verschwunden. Ein Haufen Schutt und Steine an dessen Stelle ließ vermuten, daß wohl ehemals ein Gebäude dort gestanden haben könnte. Nur drei Karten fand das Kind, die es an sich nahm, weil sie so glänzten. Als es wieder heimgefunden hatte, sahen seine Eltern, daß die Karten aus reinem Golde waren.

(nach Schöppner u. a.)

Den Schluß der Sage gibt es auch in einer anderen Version: Als das Mädchen außerhalb des Schlosses erwachte, war es bereits heller Tag. Das Schloß war verschwunden. Schutt und Steine bezeichneten die Stelle, wo es gestanden hatte. Ein Waldweg führte vorüber. Das Mädchen folgte ihm und kam bald nach Oberwarmensteinach. Doch wie waren hier die Leute erstaunt, als sie die kleine Magd wiedersahen! Neun Jahre war sie verschollen gewesen! Da man sie seinerzeit trotz langen Suchens nicht mehr fand, glaubte man, sie sei in irgendeine der vielen Klüfte gestürzt, ihr Leichnam wäre von wilden Tieren gefressen worden, und betrauerte sie als gestorben. BS.