aus dem amtlichen Schulanzeiger mit freundlicher Genehmigung der Regierung von Oberfranken/Schulabteilung

Die Köhlerstochter und das grüne Männlein

Tief im Fichtelberge lebte ein Köhler mit einem holden Töchterlein. Da ihm die Frau schon lange gestorben war, heiratete er die Witwe eines Waffenschmiedes, die ihm ihren bösen Buben mit ins Haus brachte. Der ließ dem zarten Kinde keine Ruhe. Eines Tages gerieten sie beim Beerensuchen wieder aneinander. Da stieß das Mädchen den Stiefbruder einen Felsen hinab, daß er unten tot liegen blieb. Aus Angst vor der bösen Stiefmutter floh es in die Berge. Hier traf es ein Männlein, das ein grünes Gewand trug und dessen langer weißer Bart von einem breiten braunen Gürtel gehalten wurde. Es klagte ihm sein Leid. Da führte er es in eine tiefe, tiefe Höhle. An ihrem Ende brannte ein flackerndes Feuer, neben dem eine goldigglänzende Truhe stand. Da sagte er zu der Maid: "Alles will ich dir tun, was ich dir von den Augen absehen kann. Doch mußt du mir meine Schätze hier in dem Kasten bewachen und dieses Feuer stets brennend erhalten. Erlischt die Flamme oderwird der Schatz gestohlen, so muß ich dich umbringen!" Das Mädchen versprach alles getreulich zu erfüllen. Nun stellte er sich mit erhobenen Armen vor die Jungfrau hin und lispelte: "Schnöder Schlaf flieh deine Augen! Laß des Feuers Brände rauchen!" Alsdann ließ er sie allein. Das Männlein hielt die Maid gut und gab ihr, wonach sie sich sehnte. Doch war es furchtbar argwöhnisch und stellte die Wächterin ein Mal übers andere auf die Probe, aber die war stets beim Zeuge. Als ein Jahr um war, bat das Mädchen das grüngekleidete Männlein, wieder zu seinem alten Vater heim zu dürfen, wenn es auch nur kurze Zeit wäre. Das war die erste Bitte, die es ihm abschlug. Wenn von nun an die Maid an ihr Elternhaus dachte, rennen ihr heiße Tränen über die Wangen. Eines Tages saß sie wieder weinend da. Plötzlich erglänzte es hell vor ihr- Ein weißer Hirsch stund da und hub an gar holdselig zu erzählen. Davon war sie so bezaubert, daß sie auf Feuer und Schatz vergaß. Wie der letzte Funken verglommen war, rollte ein gewaltiger Donner. Alles schwankte und Flammen hüpften um und um. Als sich die Maid von ihrem Schrecken erholt hatte, sah sie, daß sie sich im Walde befand. Vor ihr stund der Goldsucher und sagte ihr, daß der weiße Hirsch ihre böse Stiefmutter gewesen, die durch Zauber in die Höhle gelangt sei, um sie an ihrer Pflicht zu hindern und damit zu vernichten, doch nun müsse die bei ihm wachen, bis sie sich durch treuen Dienst erlöse. Dann dankte er seiner nimmermüden Wächterin für die treuen Dienste und gab ihr eine herrliche Truhe, in der kostbares Geschmeide blitzte, für all die Mühe, die sie sich gegeben hatte, und führte sie aus dem Walde. Rasch fand sie sich da zurecht und lief spornstreichs heim zum lieben Vater, dem sie nun Haus hielt. Jahre vergingen. Eines Tages erschien ein Trupp fremder Reiter vor der einsamen Köhlerhütte. Sie erkundigten sich bei Vater und Tochter nach diesem und jenem. Endlich trat ein junger feiner Herr auf die Jungfrau zu, zeigte ihr einen kostbaren Ring und sprach: "Hast du in deiner Schmucktruhe nicht den gleichen Ring?" Die Köhlerstochter erschrak, daß der Fremde von ihrem sorgsam gehüteten Schatz wußte. Nach einigem Zögern bejahte sie ihm die Frage. Da kniete er vor ihr nieder und bat sie: "Werde meine Frau und folge uns nach dem schönen Italien. Da wirst du eine Fürstin werden !" Das Mädchen war von dieser Bitte ganz verwirrt. Doch als es dem Jüngling in die ehrlichen Augen sah, mußte es ihm die Bitte gewähren. Vater und Tochter ließen die einsame Köhlerhütte im Walde im Stich und zogen mit den fremden Reitern nach Venedig. Doch wie erstaunten sie, als der Vater seine Frau und die Tochter den Goldsucher, dessen Schätze sie gehütet hatte, hier in Pracht und Reichtum vorfanden. Bald feierten die schöne Köhlerstochter und der Fürstensohn Hochzeit und lebten miteinander ein langes glückliches Leben. (Reichold 1926)