aus dem amtlichen Schulanzeiger mit freundlicher Genehmigung der Regierung von Oberfranken/Schulabteilung

Der einäugige Venediger (zwei Versionen)

1. Version

Bei einem Gütler, der nahe Bischofsgrün sein Anwesen hatte, wohnte ein Venediger. Er hielt alle Leute von seiner Arbeitsstelle fern, und nur der jüngere Sohn seines Hauswirtes durfte ihn öfters begleiten und ihm bei der Arbeit helfen. Dabei erzählte er ihm von seiner sonnigen Heimat mit dem ewig blauen Himmel, so daß der Knabe eine wahre Sehnsucht nach dem fernen Land bekam- Als der Venediger genug Gold beisammen hatte, beschloß er, wieder heimzureisen. Da er aber dem Jungen sehr zugetan war, machte er ihm den Vorschlag, mit nach dem schönen Süden zu ziehen. Der Junge war gleich einverstanden. Ohne seinen Angehörigen etwas mitzuteilen, ging er, wie schon so oft, am nächsten Morgen mit dem Goldsucher zum Bergwerk. Der ältere Bruder aber, der ihr Gespräch belauscht hatte, folgte ihnen vorsichtig. In der Nähe des Stollens verbarg er sich im Gebüsch. Von da aus beobachtete er, wie sich der Venediger gegen Süden verneigte, unverständliche Worte murmelte und geheimnisvolle Zeichen mit den Händen in der Luft machte. Plötzlich schloß sich mit einem donnernden Krachen der Eingang zum Bergwerk, und es erhob sich ein gewaltiger Sturm, der den Venediger mit dem Bruder von dannen trug. Wie sie der ältere Bruder so dahinfliegen sah, warf er ihnen eine Sichel nach, die er eben in der Hand hielt. Von dem Augenblick an blieben die beiden verschwunden.Der Vater starb, und der ältere Sohn übernahm das Anwesen. Er heiratete, und als seine Kinder schon wieder groß waren, kam eines Tages ein alter vornehmer Herr zu dem schlichten Bauern und gab sich ihm als Bruder zu erkennen. Da gab es nun viel zu erzählen. Auf die Frage, wo er sein Auge verloren habe, erhielt derÄltere die Antwort: Das hast du mir mit der Sichel ausgeworfen, als mein Schwiegervater und ich fortfuhren-" Die beiden Brüder verließen ihre rauhe Heimat und zogen nach dem warmen Süden, wo sie ihren Lebensabend in Reichtum und Eintracht verlebten, (BS, nach Reichold)

2. Version

Einmal gingen ein paar Bauern vom Wirtshaus heim. Da blies ihnen ein wilder Wind ins Gesicht. Das verdroß einen der Männer; er zog sein Messer heraus und warf es mit der Spitze voran in den Wind hinein. Da sah plötzlich ein Venediger aus dem Wind heraus, und das eine Auge war ihm ausgestochen und blutete. Nun krochen die Bauern rasch zusammen und wollten sich verstecken; aber der Venediger hatte den mit dem Messer erkannt und drohte ihm mit der Faust. Nach Jahren, als der Bauer die Geschichte längst vergessen hatte, wurde er auf dem Weg durch den Wald von einem Sturm überfallen. Der Sturm hob ihn empor und trug ihn weit fort in eine fremde Stadt. Der Mann wußte nicht, wie das geschah. Als er ein wenig herumschaute und die großen schönen Häuser anstarrte, sah er in einem Fenster einen fremden Herrn, der winkte ihm und ließ ihn ins Haus. Der Bauer ging auch hinein, aber da sah er, daß der Mann nur ein Auge hatte, er starrte damit seinen Gast an und sagte: "Nun hätte ich dich und könnte dirfür deinen Mutwillen Gewalt antun! Aber ich will dir nichts; damit du aber weißt, wen du damals getroffen hast, so nimm dir etwas zum Andenken!" Der Bauer getraute sich nicht. Da gab ihm der Fremde ein paar Goldstücke und kostbare Steine, und der Bauer konnte vor Angst und Scham kein Wort erwidern. Plötzlich versank das Haus mitsamt der großen Stadt, der Bauer war wieder im Wald und auf seinem Weg nach seinem Haus. Die Schätze aber waren ihm geblieben, und so wurde er steinreich. Döring (a.a.O.)