aus dem amtlichen Schulanzeiger mit freundlicher Genehmigung der Regierung von Oberfranken/Schulabteilung

Der welsche Gast

Bei einem jungen Bauern in Wülfersreuth kehrte jedes Frühjahr, wenn der Schnee noch in den Hohlwegen lag, ein seltsam aussehender Gast in fremdländischer Kleidung ein. Er nannte sich Sebastiano und war einer von den vielen Welschen, die seit langen Jahren aus der fernen Meerstadt Venedig kamen und das Gebirge nach Goldschätzen durchschürften. Im zehnten Jahr hatte er nun schon bei den Bauersleuten ein Dachstübchen für den Sommer gemietet, und sie waren dem stillen, gutmütigen Fremdling so zugetan, daß sie täglich nach ihm ausschauten, wenn die ersten Vögel wieder in die Heimat zurückgekehrt waren. Beschwerden machte ihnen der Mann nicht, und an die einzige Bedingung, sein Stüblein nie zu betreten, solange er bei ihnen weile, hatten sie sich bald gewöhnt, ohne sich etwas Arges dabei zu denken.Wenn der Tag graute und die Bäuerin aufstand, war der welsche Gast bereits dem Gebirge zugewandert. Wo ein Bach von den Bergen herabeilte oder eine Quelle aus dem Gestein sprang, da saß Sebastiano bis in die sinkende Nacht und durchwühlte den groben Sand nach Goldkörnern. Und wo sich eine Kluft in den Felsen auftat, arbeitete er mit Meißel und Schlegel, Essen und Trinken und Schlaf vergessend über dem Verlangen nach dem unscheinbaren Gestein, das, mit Silber erhitzt, zu gutem Gold werden sollte. Wochenlang durchstreifte der bleiche, abgezehrte Mann das Gebirge dann wieder kreuz und quer wie ein gehetztes Wild, in der einen Hand die frisch geschnittene Wünschelrute, in der andern den zauberhaften Erdspiegel, und seine brennenden Augen irrten hin und her, ob nicht die gegabelte Spitze der Rute zucke oder eine Flamme in dem höllischen Glas lohe, wo ein Schatz in der Tiefe lag oder eine Ader edlen Erzes den Boden durchzog. Dann wieder saß der Fremde ohne das geringste Lebenszeichen Tag für Tag in seiner Stube, und die Bäuerin schlich ängstlich um seine Tür, ob er denn wohl krank oder gar gestorben sei. Zogen dann im Herbst die Schwalben nach Süden, so nahm Sebastiano Abschied von seinen Gastfreunden und wanderte mit den Vögeln seiner Heimat zu.So ging es achtzehn Jahre. Der Fremde war ergraut und gegen das Ende des letzten Sommers immer hinfälliger geworden. Als der Herbstwind wieder über die Stoppeln wehte, trat der Venediger eines Morgens zu seinen Freunden in die Stube und sprach mit leiser, bewegter Stimme: "Nun geh' ich wieder heim. Zurück komm' ich nimmer. Mein Leib ist schwach geworden, ich habe in allen diesen Jahren zuviel gelitten. Aber ich habe Glück gehabt und will es nun in Frieden genießen. Ihr habt mir viel Gutes getan. Das will ich euch nie vergessen. Wenn du einmal in Not geraten solltest, lieber Hans, so komm zu Sebastiano Verso nach Venedig; er wird dir helfen." Voll tiefer Wehmut nahmen die drei Menschen Abschied, und die Bauersleute standen noch unter der Haustür und schauten ihrem Freund nach, als er schon lange im Wald verschwunden war. Jahre vergingen; der Bauer und die Bäuerin wurden allmählich alt, und eine Schar Kinder wuchs um sie heran. Noch manchen Frühling wurde von dem seltsamen Fremdling gesprochen: nach und nach aber schlief die Erinnerung ein. Da geschah es, daß dem Bauern in einer stürmischen Winternacht das Haus über dem Kopf wegbrannte, und nichts, weder aus dem Stall noch in der Scheune, konnte gerettet werden. Wohl stand gegen Ende des Sommer. der Hof wieder neu aus den Trümmern auf; aber der Bauer steckte in Schulden, und das geringste Unglück im Haus- oder Viehstand drückte ihr noch tiefer hinein. In dieser Not dachte der Bauer zum erstenmal wieder ar seinen ehemaligen Gast, und obgleich er weder Weg noch Steg wußte und sich kaum noch auf den Namen des Fremden besinnen konnte, beschloß er nach Venedig zu wandern. Es war eine furchtbare Reise, und manchmal wäre der Bauer gern umgekehrt wenn ihn nicht der Gedanke an seine Not weitergetrieben hätte. Endlich kam er in der Stadt mit den prächtigen Palästen, den großen Plätzen und Kirchen an. Tagelang ging er nun straßaus, straßein, fuhr auf den zahllosen Kanälen hin und her, schaute allen Leuten prüfend ins Gesicht und fragte auch da und dort einmal verzagt nach dem Herrn Sebastian; aber jeder Angesprochene zuckte die Achseln und entgegnete ein paar unverständliche Worte. Als nun der Bauer einesTages in heller Verzweiflung umherirrte und seinen voreiligen Entschluß verwünschte, hörte er plötzlich laut und eindringlich seinen Namen rufen: "Hans! Hans!" Erschreckt fuhr er herum; da sah er aus einem der vielen stolzen Paläste einen Mann mit beiden Händen winken. Nach ein paar Augenblicken stürzte aus der Vorhalle ein alter Mann mit langem, weißen Bart und fiel dem Bauern auf offener Straße um den Hals- "Kennst du denn deinen Venediger Freund nicht mehr?" rief er endlich, als der Bauer noch ganz verstört dreinschaute, und zog Hans in sein Haus, führte ihn durch unzählige, prächtige Gemächer und bewirtete ihn, wie man es nur einem lieben, seltenen Gast tut. Wie im Traum verging dem Bauern eine Woche. Dann steckte ihm der reiche Venediger alle Taschen voll Goldstücke und geleitete ihn auf seinem eigenen Reisewagen bis an die Grenze. Ungefährdet kam der Bauer wieder daheim an, und nun hatte alle Not und Sorge ein Ende. (Grimm, ebenso bei Reichold, Schöppner, B-S. u. a.)